Top of the World Highway

Nun haben wir’s also doch noch geschafft: wir haben Alaska erreicht, wenn auch nur kurz. Um dies zu erreichen, waren allerdings zwei Hürden zu überwinden. Zum einen wollten wir Alaska quasi über eine Nebenstrasse erreichen, welche über eine grosse Strecke ungeteert verläuft, dafür landschaftlich sehr schön ist. Zum anderen wollten wir die U.S. Grenzbeamten überzeugen, dass wir mit unseren Visa eine Aufenthaltsbewilligung für die für uns verbleibenden 7 1/2 statt der standardmässigen 6 Monate kriegten. Da wir gemäss Plan unser Wohnmobil Ende März aus den USA nach Europa zurückschiffen würden, musste unsere Aufenthaltsbewilligung gezwungenermassen auch bis dahin dauern. Wir waren gespannt, welches die schwierigere Aufgabe sein würde.

Der Top of the World Highway verbindet Dawson City im Yukon mit Tok in Alaska. Die Strecke ist nur im kurzen Sommer befahrbar und rund 160km davon sind sog. Gravel Road also ungeteert. Normalerweise werden die Highways der Einfachheit halber in den Talebenen gebaut. Das Besondere am Top of the World Highway ist die Tatsache, dass er auf den Hügelketten angelegt wurde und damit meistens spektakuläre Aussichten bietet. Zu unserer Erleichterung war die Strecke in einem viel besseren Zustand wie erwartet. Stellenweise mussten wir das Tempo zwar schon arg drosseln, aber alles in allem war es kein Problem. Die Fahrt über den Top of the World Highway war trotz gelegentlichem Holpern sicher einer der landschaftlich schönsten Abschnitte unserer Reise bis jetzt. Ganz neu für uns waren die immensen Flächen, welche durch Waldbrände zerstört wurden. Die allermeisten dieser Feuer werden durch Blitze ganz natürlich entzündet. Nur falls Leben oder Hab und Gut bedroht sind, wird versucht, die Waldbrände zu löschen. Ansonsten wird die Natur sich selbst überlassen – so wie es schon immer der Fall war. Durch die Winde können so Waldbrände entstehen, die riesige Flächen in eine seltsame Landschaft verwandeln. Noch Jahre später sind die übrig gebliebenen, verkohlten Baumstämme gut zu sehen. Dafür ist auch gut zu sehen, wie sich die Natur im Verlauf der Jahre wieder erholt und sich Schritt für Schritt neue Waldflächen bilden.

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Auch die Einreise in die USA war zu unserer Überraschung problemlos. Ohne Nachfrage erhielten wir mit unseren US Visa eine Aufenthaltsbewilligung für den gewünschten Zeitraum, d.h. mehr wie die nur 6 Monate, welche normalerweise standardmässig gewährt werden. Hätte dies nicht geklappt, hätten wir auf den Kurzabstecher nach Alaska verzichten, wieder umdrehen und die rund 700km via Dawson City nach Whitehorse zurückfahren müssen. So liessen wir Erwachsenen uns trotz Visa und biometrischen Pässen einmal mehr die Abdrücke sämtlicher zehn Finger nehmen. Natürlich wurde auch erneut ein Foto von uns genommen. Stillschweigend fragten wir uns allerdings ingsgeheim schon, warum wir nach der Anfertigung der Pässe und dem Ausstellen der Visa bereits zum dritten Mal dieses Prozedere über uns ergehen lassen mussten.

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Wir waren am Abend erleichtert und froh, dass wir beide Hürden letztlich problemlos überwinden konnten. Da trat die Tatsache, dass wir mit der Fahrt über den Top of the World Highway sowohl den nördlichsten wie auch den westlichsten Punkt unserer Reise erreicht hatten, fast ein wenig in den Hintergrund.

Zu guter Letzt: obwohl die Fahrt durch die unberührte Wildnis Kanadas an und für sich schon ein Genuss ist, zu den Hymnen des Film-Soundtracks von Into the Wild gleitet die Landschaft noch viel endloser, weiter, wilder und v.a. eingänglicher vorbei. Wie Butter und Konfi – die perfekte Kombination ;-)!

Dawson City

Dawson City, nur 240km südlich vom Polarkreis gelegen, erlangte vor etwas mehr wie Hundert Jahren grosse Bekanntheit, als im August 1896 am Klondike River Gold gefunden wurde. Als im Sommer 1897 die ersten Schiffe die Westküste der USA mit der Nachricht von Goldfunden am Klondike erreichten, machten sich Tausende von Abenteurern auf in den hohen Norden. Doch der Weg dorthin war äusserst beschwerlich und die meisten waren schlecht vorbereitet. Viele kamen unterwegs ums Leben. Als diese Horden 1898 schliesslich in Dawson City eintrafen, überquoll die kleine Siedlung an der Mündung des Klondike Rivers in den Yukon regelrecht. Innert Kürze wurde Dawson City wegen des Goldes zur grössten Stadt im kanadischen Westen. Viele Abenteurer mussten enttäuscht feststellen, dass die ertragreichsten Schürfgebiete bereits alle abgesteckt und vergeben waren. Der Grossteil der Goldsucher traf also mindestens ein Jahr zu spät in Dawson City ein. Viele kehrten wieder um. Dennoch blieben geschätzte 30’000 Goldsucher. Nicht alle verdienten ihr Geld mit dem Suchen von Gold. Innert Kürze entstanden in Dawson City Saloons, Theater, Tanzschuppen, Luxushotels und billige Absteigen.

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Um 1899 war der grösste Spuk schon wieder vorbei und viele verliessen die Stadt wieder. Bald darauf wurde mit gigantischen, bis zu 8 Stockwerken hohen, schwimmenden Schaufelbaggern kommerziell nach Gold geschürft. Während rund 200 Tagen pro Jahr haben diese Monstermaschinen 24h am Tag nach Gold gebaggert, gesiebt und gewaschen. Der Lärm dieser Ungetüme war noch fast 20km entfernt zu hören. Eine dieser längst stillgelegten Maschinen konnten wir besichtigen, was wirklich sehr eindrücklich war.

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Gigantischer Schaufelbagger

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Noch heute fühlt man sich in Dawson City ein wenig wie in der Vergangenheit. Mit Ausnahme der Front Street sind alle Strassen ungeteert. Viele Gebäude sehen so aus, als hätten sie all die Jahre unverändert überstanden. Einige sind ein wenig schief, weil sie teilweise im Permafrostboden ein wenig eingesunken sind. Die Gehsteige sind erhöhte Bohlenwege, welche hauptsächlich eingerichtet wurden, damit die Fussgänger nach Regenfällen oder der Schneeschmelze nicht knietief im Schlamm oder Matsch versinken. Das Leben im abgelegenen Dawson City ist noch heute alles andere wie einfach. Der nächste nennenswerte Ort (Whitehorse) ist sechs Autostunden durch die Wildnis entfernt. Während im Sommer die Sonne nur kurz am Himmel verschwindet und die Tage deshalb lang sind, muss man sich im Winter teilweise mit weniger wie 5 Stunden Tageslicht (ohne Sonne!) begnügen. Selbst wir hätten in der 2. Hälfte August noch problemlos um 23 Uhr draussen ein Buch lesen können. Dass es für uns schwieriger war, unsere Kinder ins Bett zu kriegen, versteht sich so von selbst.

Spätestens ab Mitte September, wenn die letzten Touristen aus Dawson City verschwunden sind, schliessen alle Hotels und Restaurants in Dawson City. Der harte Kern von rund permanenten 1500 Einwohnern ist dann für die nächsten 8 bis 9 Monate wieder unter sich. Wie uns gesagt wurde, zeichnen sich die Bwwohner durch einen grossen Durchhaltewillen und ein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl aus. Die Winter im hohen Norden sind lang und kalt. Im Winter 2012/13 war es an mehr wie 50 Tagen unter minus 45 Grad. Die ganz Hartgesottenen leben ausserhalb von Dawson City auf der anderen Seite des Yukons ohne fliessendes Wasser und Strom. Im Sommer gelangt man mittels einer Fähre über den Yukon, im Winter kann der zugefrorene Fluss über eine dicke Eisschicht sogar mit dem Auto überquert werden. Während je rund eines Monates im Herbst und Frühling kann der Yukon jedoch gar nicht überquert werden, weil die Eisschicht noch zuwenig gefroren resp. wieder am Auftauen ist. Für diese Zeit heisst es Vorräte und Wasser bunkern und ausharren.

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Fähre über den Yukon

Wie uns gesagt wurde, zieht dieses Leben anscheinend auch viele Schweizer an, welche einmal zu Besuch in Dawson City waren, dem rauhen Charme des Städtchens erlegen sind und dann später dort sesshaft wurden.

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Modernes Haus in Dawson

Alaska Highway

Unsere Erwartungen haben sich mehr wie nur erfüllt. Der Alaska Highway führt durch einsame aber traumhafte Landschaften. Auf den ersten 500km ist er zwar mehr eine Schneise durch ein riesiges Waldgebiet, doch danach wird er zu einer Traumstrasse: Berge, weite Täler, Wälder, Bergseen. Wow! Man kann sich fast nicht sattsehen. Mittlerweile sind wir in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon Territoriums, angelangt und haben schon mehr wie 1’400km auf dem Alaska Highway zurückgelegt. Trotz der Strecke wird die Landschaft nicht langweilig. Je weiter wir kommen, desto mehr lichtet sich der Verkehr. Es kann schon mal vorkommen, dass wir 5-10min kein anderes Auto mehr sehen.

Was uns am meisten überrascht, ist das Wetter. Wir haben prächtiges Sommerwetter mit 27-30 Grad, nachts kühlt es auf rund 10 Grad hinunter, was sehr angenehm zum Schlafen ist. Dass es tagsüber so warm ist, haben wir hier oben nicht erwartet.

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Auch die Tierwelt vermag zu begeistern. Direkt am Strassenrand konnten wir eine Schwarzbärenfamilie beobachten. Aber auch die Bisonherde, welche wir entlang des Highways trafen, war sehr eindrücklich.

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Schwarzbärenfamilie

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Bisonherde

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Watson Lake ist ein wichtiger Versorgungsstop auf dem Alaska Highway. Mit seinen 1500 Einwohnern ist dies immerhin der drittgrösste Ort im Yukon Territorium. Die grösste Sehenswürdigkeit ist der Signpost Forest. Während des Baus des Alaska Highways hatte ein amerikanischer Soldat vor lauter Heimweh dort einen Pfosten eingeschlagen und ein Schild seines Wohnortes daran angenagelt. Damit hat er etwas angestossen, was er heute wohl selbst nicht für möglich hielte. Mittlerweile ist ein ganzer Schilderwald entstanden. Über 75’000 Schilder hängen nun dort, und auch ein paar aus der Schweiz.

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Signpost Forest in Watson Lake

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Wer die Einsamkeit liebt, ist im Yukon Territorium am richtigen Ort. Nur gerade 35’000 Einwohner leben auf einer Fläche von mehr wie 10x so gross wie der Schweiz. 27’000 Einwohner davon leben alleine in der Hauptstadt Whitehorse. Telefone und ev. Internet gibt es nur alle paar Hundert Kilometer und Handys funktionieren nur in Whitehorse.